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15.09.2020

Nur eine offene Schweiz ist eine starke Schweiz

Interview mit René Buholzer in der Basler Zeitung vom 4. September 2020. Von Andrew Hale


Dr. René P. Buholzer, Geschäftsführer Interpharma

Dr. René Buholzer, CEO von Interpharma, äussert sich zu den Herausforderungen der Branche im Covid-19-Umfeld, zum Pharmastandort Basel sowie zur notwendigen Digitalisierung des Gesundheitswesens.

 

René Buholzer, Interpharma hat mit seinen Mitgliedern die Debatte um die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitssystems und des Pharmastandorts Schweiz lanciert. Was waren die Gründe hierfür?

 

Die forschenden Pharmaunternehmen in der Schweiz blicken auf eine über hundertjährige Erfolgsgeschichte zurück. Ihre Innovationskraft hat die Lebensqualität und den Wohlstand der Bevölkerung hierzulande über Jahrzehnte geprägt und vorangetrieben. Nach der ersten Phase der Krisenbewältigung warten nun in einer durch das Virus geprägten neuen Normalität grosse Herausforderungen und Chancen auf Politik und Gesellschaft und damit auch auf den Pharmastandort Schweiz. Dies nicht zuletzt deshalb, weil das Ausland die Bedeutung einer wertschöpfungsintensiven Pharmaindustrie gerade in Krisenzeiten erkannt hat und sich aktiv um eine Stärkung seines Standorts bemüht. Interpharma, der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz, hat mit seinen Mitgliedern basierend auf der Strategie Pharmastandort 2030 und vor dem Hintergrund der Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monate das Engagement in fünf Beiträgen formuliert, die als Ausgangspunkt der Diskussionen rund um die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitssystems Schweiz dienen können. Es handelt sich dabei um die Bereiche Diagnostika, Impfstoffe und Medikamente, Versorgungssicherheit, Zusammenarbeit, Forschung und Innovation sowie Produktion.

 

Beginnen wir bei den Impfstoffen, welche in den vergangenen Wochen das vorherrschende Thema in den Medien waren. Wie optimistisch sind Sie, was die Zulassung eines wirksamen Impfstoffs gegen Covid-19 betrifft?

 

Die forschende pharmazeutische Industrie leistet weltweit einen beispiellosen Effort zur Krisenbewältigung, sei es in der Sicherstellung der Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Diagnostika und Medikamenten oder in der Forschung und Entwicklung, mit dem Ziel, sichere und wirksame Behandlungsmöglichkeiten und Impfstoffe für Patientinnen und Patienten im Kampf gegen Covid-19 auf den Markt zu bringen. Was die angesprochene Entwicklung eines Impfstoffs betrifft: Die Studienresultate verschiedener Hersteller stimmen in der Tat hoffnungsvoll. Die ersten Impfstoffkandidaten befinden sich bereits in der Phase 3 der klinischen Studien. Es ist klar: Bei der Entwicklung eines Impfstoffs dürfen keine Kompromisse bei der Wirksamkeit und der Sicherheit gemacht werden, so gross der medizinische Bedarf auch ist. Ein Impfstoff wird in den Körper gesunder Patienten injiziert. Es wäre schlichtweg verheerend, wenn sich ein Impfstoff im Nachhinein als nicht genügend wirksam oder sicher erweisen würde.

 

Die Pharmaindustrie in der Schweiz ist stark in den Regionen verankert. Welche Vorzüge weist der Standort Basel gegenüber den anderen Regionen auf?

 

Am traditionsreichen Life-SciencesStandort Basel hat sich die reale Wertschöpfung in den letzten zehn Jahren verdoppelt, und die Beschäftigung ist um rund 6000 Stellen gestiegen. Novartis und Roche, zwei der erfolgreichsten Pharmafirmen der Welt, und über fünfzig weitere Life-Sciences-Firmen haben in Basel ihren Hauptsitz. Heute ist Basel der wohl produktivste Life-Sciences Standort der Welt. Zudem hat sich der Cluster Zürich-Zug-Luzern-Schaffhausen zu einem Zentrum für Medizinaltechnik und zu einem in Europa beliebten Standort für internationale und europäische Headquarters für Pharma und Biotech entwickelt. In der Westschweiz schliesslich ist seit Anfang der 2000er-Jahre ein äusserst dynamisches Ökosystem rund um Biotechnologien entstanden. Es ist die Heimat von fast tausend in den Life-Sciences tätigen Unternehmen, von Start-ups bis hin zu multinationalen Konzernen, Inkubatoren und zwanzig Forschungsinstituten und Hochschulen.

 

Welche Rolle spielen die Hochschulen bei der Entwicklung der regionalen Pharmacluster?

 

Aus der Forschung ist bekannt, dass erstklassige Hochschulen bei der Entwicklung und der Herausbildung lokaler Cluster eine zentrale Rolle spielen. Die Universität Basel wie auch der lokale ETH-Ableger spielen im Verbund mit den Forschungsabteilungen unserer Pharmamitglieder in der Region Basel eine zentrale Rolle, wenn es um Wachstum und Innovation geht. Umso wichtiger ist es, dass die Schweizer Hochschulen auch weiterhin an europäischen Forschungsprogrammen teilnehmen können und der freie Austausch von Personen und Wissen möglich bleibt. Die Schweiz ist auf internationale Forschungszusammenarbeit angewiesen und profitiert in vielerlei Hinsicht davon. Die Kündigungsinitiative, über die wir am 27. September 2020 abstimmen werden, gefährdet diese und birgt das Risiko, die Schweiz im europäischen Raum zu isolieren.

 

Aber hat nicht die aktuelle Gesundheitskrise die Grenzen dieser Offenheit aufgezeigt? Auch in der Schweiz mehren sich die Stimmen, die eine Rückkehr zu einer protektionistischen Wirtschaftspolitik fordern.

 

Ich bin überzeugt: Nur eine offene Schweiz ist eine starke Schweiz. Die Offenheit der Schweiz hat zum wirtschaftlichen und zum sozialen Erfolg dieses Landes entscheidend beigetragen. Forschungskraft und Innovationsgeist werden durch internationale Kooperationen gefördert, wodurch globale Probleme, wie zum Beispiel die aktuelle Corona-Pandemie, angegangen werden. Nicht zuletzt bleibt festzuhalten: Versorgungssicherheit ist nicht gleichbedeutend mit Selbstversorgung. Nicht nur im Inland produzierte, sondern auch aus dem Ausland importierte Produkte tragen zur Sicherheit der Versorgung der Schweiz bei. Um diese Sicherheit der Versorgung der Bevölkerung mit Diagnostika, Impfstoffen und Medikamenten auch in Zukunft zu gewährleisten, sind offene Grenzen und die Sicherstellung von optimalen grenzüberschreitenden Warenflüssen, beispielsweise auch durch den Abschluss von Staatsverträgen, zentral.

 

Bereits vor Ausbruch von Covid-19 plädierte Interpharma für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Fühlen Sie sich nun durch die aktuelle Entwicklung in Ihrer Forderung bestätigt?

 

Die Pandemie hat eindrücklich gezeigt, dass im Schweizer Gesundheitswesen ein gewaltiger Nachholbedarf im Bereich der Digitalisierung wie auch im Umgang mit Gesundheitsdaten besteht. Die Schweiz muss in dieser Hinsicht international aufholen und verfügbare Gesundheitsdaten besser nutzbar machen. Ich gehe davon aus, dass das Bewusstsein hinsichtlich der Notwendigkeit von mehr Digitalisierung im Gesundheitswesen durch die offensichtlichen Defizite, welche in der Krise deutlich wurden, gewachsen ist. Diese Chance gilt es zu nutzen, sowohl in den Unternehmen als auch in der öffentlichen Verwaltung. Dazu braucht es rasch die nötigen Anpassungen bei der digitalen Infrastruktur. Es braucht ein Schweizer Gesundheitsdaten-Ökosystem, das sowohl einen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung leistet wie auch dem Gesundheitswesen und der Forschung in die Zukunft verhilft. Ich bin überzeugt: Forschung und Entwicklung werden dort stattfinden, wo der Schutz des geistigen Eigentums sichergestellt ist und der beste Zugang zu Talenten, hochqualitativen Gesundheitsdaten und Partnern besteht.

 

Quelle: www.interpharma.ch Andrew Hale