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20.06.2016

Kolumne: Brexit - entscheidet der Kopf oder der Bauch?

Was immer das Ergebnis der Brexit-Abstimmung sein wird, es trifft auch die Schweiz. Die derzeitige Unruhe an den Börsen ist nur ein Vorgeschmack auf die Turbulenzen, sollten die EU-Befürworter am Donnerstag verlieren.


Politisch lagen die englischen Wettbüros in jüngster Zeit meist richtig. Im Gegensatz zu den Meinungsumfragen haben sie den deutlichen Sieg von David Cameron und den Tories bei den Parlamentswahlen vorausgesagt, ebenso den Verbleib Schottlands in Grossbritannien. Geht es nach den Wettbüros ist auch die Sache beim Referendum über den Austritt Grossbritanniens aus der EU vom 23. Juni klar: Wer am Freitag ein Pfund auf "Remain" gesetzt hat, erhält im Eintretensfall gerade mal £ 1.30, wer den gleichen Betrag auf Brexit setzte, würde mit vier Pfund entschädigt. Dennoch bin ich im Hinblick auf das Referendum vom nächsten Donnerstag nervös. Die Feinanalyse zeigt nämlich, dass 70 Prozent der Wetten auf einen Brexit sind, von Leuten mit tiefem Einkommen und entsprechend kleinem Wetteinsatz, während wertmässig 70 Prozent des Geldes auf den Verbleib in der EU gesetzt werden.

 

Tiefe Kluft quer durch das Land

Wer in den letzten Monaten England besucht oder mit britischen Kollegen gesprochen hat, stellt eine tiefe Kluft quer durch die Gesellschaft und das Land fest. Grossbritannien hatte schon immer eine ambivalente Haltung zur europäischen Vision, trat der Europäischen Gemeinschaft erst 1973 bei, ist weder Mitglied von Schengen noch der Währungsunion und schon das erste EU-Referendum von 1975 war  mit 67 Prozent Zustimmung zwar klar, aber nüchtern. Für die meisten Briten, beziehungsweise Engländer, ist das kontinentale Europa "overseas" geblieben, getrennt nicht nur durch den Ärmelkanal, getrennt auch durch viel Misstrauen gegenüber den Brüsseler Institutionen und den europäischen Partnern.

Beunruhigend ist der Abstimmungskampf. Die "Remain"-Kampagne ist unbeholfen, geprägt von einer rein wirtschaftlichen Argumentation und jüngst von plumpen Drohungen des Schatzkanzlers über bevorstehenden Sozialabbau, wenn das Land die EU verlassen sollte. Man arbeitet mit Angst und hat Mühe, vom jahrelangen EU-Bashing zu einer positiven Vision zu kommen. Und auch bei der grossmehrheitlich mit dem Verbleib sympathisierenden Wirtschaft spürt man kaum Leadership, anders als in der Schweiz, wo in Abstimmungskampagnen eine klare Positionierung der Wirtschaft die Regel ist und Engagement von Wirtschaftsführern, ob mit oder ohne Schweizer Pass, erwartet und breit akzeptiert wird. Doch werden Abstimmungen in der Regel über den Bauch und nicht den Kopf entschieden. Gilt das auch für Grossbritannien, gibt es reichlich Grund zur Besorgnis, denn die Emotionen sind klar auf der Brexit-Seite.

 

Gift für Investitionen

Was immer das Ergebnis sein wird, es trifft auch die Schweiz. Man mag zwar langfristig neben Risiken durchaus Chancen sehen. Dass es kurz- und mittelfristig zu Verwerfungen kommen würde, steht für mich jedoch ausser Frage. Die derzeitige Unruhe an den Börsen ist nur ein Vorgeschmack auf die Turbulenzen, sollten die EU-Befürworter am Donnerstag verlieren. Natürlich kann man darauf hoffen, dass sich die EU aufgrund eines Brexit reformieren und vielleicht auch föderalistischer aufstellen würde. Doch das würde dauern und Jahre mit erheblicher Rechtsunsicherheit - Gift für Investitionen - zur Folge haben. Für die Schweiz würden zuerst ohnehin vor allem Probleme resultieren: Das "Fenster" für eine einvernehmliche Lösung mit der EU in der Zuwanderung wäre wohl für Monate geschlossen. Und weil alle Ökonomen den Brexit negativ beurteilen, droht eine Lungenentzündung an den Börsen - und eine massive Stärkung des Frankens ist praktisch sicher.

 

Quelle: Thomas B. Cueni, interpharma